Amazon bläst zum Angriff auf den IT-Markt

Keine Gewinne und mangelnde Transparenz werfen Analysten gerne Amazon vor. Anfang des Jahres hatte ich an dieser Stelle die These aufgestellt, dass Amazon mit seinen Cloud Services direkt den IT-Markt ins Visier nimmt. Mehr Transparenz bringt das Begleitschreiben von CEO Jeff Bezos zum aktuellen Quartalsbericht. Und es unterstreicht die Marschrichtung. Jedes Systemhaus und jeder IT-Dienstleister sollte das Schreiben lesen.

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Andreas Raum

Dienstag, 28. April 2015

1,566 Milliarden Dollar hat Amazon im ersten Quartal 2015 mit Cloud-Diensten – Stichwort „Amazon Web Services“ AWS – umgesetzt. Im Quartalsbericht wurde das Segment erstmals separat ausgewiesen, die Zahlen finden Sie auf Seite 16. Mit 265 Millionen warf das Geschäft einen operativen Profit von immerhin knapp 17 Prozent ab. Das Wachstum gegenüber dem Vorjahresquartal waren gewaltige 50 Prozent (im Vorjahresquartal sind es sogar fast 70 Prozent gewesen), allerdings bei anteilig niedrigerer Marge. Der Analyst erkennt messerscharf: Hier wird investiert. Und folgerichtig heißt es auf Seite 20 im selben Bericht: „Property and equipment acquired under capital leases were $954 million and $716 million during Q1 2015 and Q1 2014. This reflects additional investments in support of continued business growth primarily due to investments in technology infrastructure for AWS. We expect this trend to continue over time.“

Richtig interessant werden diese Zahlen, wenn man sie gemeinsam mit dem Brief liest, den CEO Jeff Bezos an die Aktionäre geschrieben hat. Genau wie der Quartalsbericht ist auch der Aktionärsbrief in vielerlei Hinsicht lesenswert.

Etwa gibt Bezos Einblick in Amazon Prime, jenen Dienst, den mein Channelcast Kollege Christian Meyer in der vergangenen Ausgabe als eines der Kundenbindungstools par Excellence vorgestellt hat. Bezeichnend ist das folgende Zitat: „I’m pretty sure we’re the first company to have figured out how to make winning a Golden Globe pay off in increased sales of power tools and baby wipes!“ Jeff Bezos, der Meister im Cross- und Upselling.

Auch interessant sind die Dimensionen des Amazon Marketplace über den 40 Prozent aller durch Amazon verkauften Waren gehandelt werden.

Zur Pflichtlektüre für jeden in der IT-Branche macht den Aktionärsbrief allerdings das Kapitel „Amazon Web Services“. Die Analyse der Motivation der Kunden, auf AWS zu setzen, zeugt von eine tiefen Verständnis der IT aus Endkundensicht. Vor allem der zweite Absatz über die Relation von Leistungsfähigkeit und Kosteneffizienz ist aufschlussreich und entspricht nicht der gewöhnlichen IT-Sicht.

Interessant ist der Auszug aus der Kundenliste: Vom Startup über Großkunden bis hin zu US-Behörden. Und die Übersicht verschiedener Applikationen, deren Nutzung die Kunden bei Amazon kaufen können.

Alarmierend für unsere Branche ist aber die Einschätzung des Potenzials: „the size of the opportunity is big, ultimately encompassing global spend on servers, networking, datacenters, infrastructure software, databases, data warehouses, and more.“ Das ist all das, was IT-Hersteller und der IT-Channel gewerblichen Endkunden heute verkaufen. Das ist der Markt, den AWS adressiert. Das ist der Markt in dem AWS heute schon über 1,5 Milliarden Dollar Geschäft aufgesogen hat. Hier ist die neue Konkurrenz gewachsen, ein globaler Anbieter mit mehr als sechs Milliarden Dollar Jahresumsatz, der noch nicht einmal richtig angefangen hat, seine Cloud Services zu bewerben.

Der Multiplikator, auf den Bezos setzt ist ein Ökosystem von Software-Entwicklern, die gute Erfahrungen mit AWS gemacht haben und helfen, das Angebot zu verbreiten. Und dann folgt noch ein starkes Argument: „Structurally, AWS is far less capital intensive than the mode it’s replacing – do-it-yourself datacenters – which have low utilization rates, almost always below 20%. Pooling of workloads across customers gives AWS much higher utilization rates, and correspondingly higher capital efficiency.“

Und er schließt mit dem Amazon Credo der Kundenorientierung: „AWS is young, and it is still growing and evolving. We think we can continue to lead if we continue to execute with our customers’ needs foremost in mind.“

Eine Seifenblase sei Amazon, sagte neulich ein befreundeter Systemhauschef – und selbst Amazon Prime Kunde. Man wachse auf Kosten des Gewinns und auf Kosten der Aktionäre und das könne nicht ewig gut gehen, so seine Einschätzung. Das mag sein. Ich glaube nur nicht, dass AWS eine Seifenblase ist. Wer langfristig im IT-Markt mitspielen möchte, sollte sich rechtzeitig positionieren.