Kommentar: "Ist das die Zukunft des Channels?"

Veränderungen in der Unternehmens-IT haben massive Auswirkungen auf den Channel. Künftig könnte ein extremes Szenario Wirklichkeit werden. 

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Andreas Raum

Dienstag, 23. Aug. 2016

«Vor einigen Wochen hatte ich von einem Event der Amazon AWS berichtet. Darüber, dass sich «unter der Oberfläche etwas Großes zusammen braut.» Es ist wichtig, zu verstehen, was in der Unternehmens IT passiert, weil sich das auf den Channel auswirkt. Für viele Häuser besteht die Notwendigkeit, sich neu zu positionieren. Die gute Nachricht vorweg: Mit der Digitalisierung gewinnt die IT in Unternehmen deutlich an Bedeutung. Für immer mehr Geschäftsprobleme existieren IT-Lösungen. IT dringt in immer neue Bereiche, Prozesse und Abteilungen innerhalb der Unternehmen vor. Und IT verbindet Abteilungen, setzt Daten, die in unterschiedlichen Abteilungen anfallen in Relation und vernetzt ganze Unternehmen miteinander. Das ist die digitale Transformation. Gleichzeitig werden selbst komplexe IT-Lösungen für immer kleinere Unternehmen interessant (dazu unten mehr).

Ein tieferes Verständnis der Veränderungen erhält, wer die Projektabläufe innerhalb der Unternehmens IT analysiert. Die Grafik zeigt ganz links den idealtypischen Ablauf einer IT-Investition – von der Ursache für eine Investition, nämlich einem Geschäftsproblem – oder marketingeuphemistisch einer Herausforderungen – bis zum Geschäftsbetrieb, der mittels der angeschafften IT-Lösung am Ende hoffentlich so läuft, dass das Geschäftsproblem gelöst ist. Die Prämisse: Unternehmen investieren genau dann wenn ihnen das einen Vorteil bringt beziehungsweise ein Problem löst. IT-Projekte gehen stets von einem Geschäftsproblem aus, das mit Hilfe von IT gelöst werden soll. Geschäftsprobleme – oder marketingeuphemistisch Herausforderungen – diskutiert die Geschäftsleitung mit den Abteilungsleitern vielleicht unter Zuhilfenahme einer Unternehmensberatung. Bei großen Unternehmen spielt natürlich der CIO als Mitglied der Geschäftsleitung eine wichtige Rolle. Wird eine IT-Lösung identifiziert, kommt die interne IT ins Spiel. Es geht dann in Software-Beratung und schließlich um die benötigte Hardware. Alles wird angeschafft, installiert und in Betrieb genommen. Sobald die Anwender mit der neuen Lösung arbeiten, sollte sich das Geschäftsproblem verflüchtigen. So es das tut, war die IT-Investition ein Erfolg.

Entlang des Ablaufs positionieren wir jetzt in der Säule «Gestern» die im Channel tätigen Unternehmen. In der Vergangenheit war das Gros der Systemhäuser mit klassischen Hard- und Softwareprojekten beschäftigt. Wichtig war das Handelsgeschäft und immer wichtiger wurden Dienstleistungen wie Roll-Out oder Installation. Mit schrumpfenden Hard- und Softwaremargen wichen Systemhäuser verstärkt auf Dienstleistungen rund um den IT-Betrieb aus – in der nächsten Säule der Grafik «Heute» also nach unten. Ein Schlagwort sind hier Managed Services, ein anderes Hosting, ein drittes Cloud Computing. Diese «neuen» Geschäftsmodelle unterscheiden sich im Angebotsumfang und der Dienstleistungstiefe. Am umfassendsten sind die Angebote der großen Cloud Provider wie Amazon AWS, Microsoft mit Azure, IBM mit Bluemix oder Google. Diese bieten nicht nur den kompletten IT-Betrieb auf ihren Plattformen an, sondern stellen Dienste zur Verfügung, mittels derer ISVs aber auch Anwenderunternehmen sehr einfach Anwendungen «bauen» können.

Hieß es bis vor Kurzem: «Niemals wird der deutsche Mittelstand seine Daten in den Cloud auslagern!», hat sich diese Position erheblich aufgeweicht. Deutsche Mittelständler tun das, Großunternehmen tun das schon längst, wenn auch eher punktuell und Kleinunternehmen tun das erst recht. Denn noch nie ist es für Unternehmen so einfach und günstig gewesen, selbst komplexe IT-Lösungen einzuführen und zu benutzen. Denn die Angebote der Cloud Provider haben riesige Ökosysteme von Anwendungsentwicklern und ISVs hervorgebracht. Unternehmen nutzen die Anwendungen online inklusive Betrieb – Security, Datensicherung und Archivierung.

Ein Beispiel: Seit Anfang der Jahres nutzt die freyraum marketing GmbH ein CRM-System namens Pipedrive. Es ist anwenderfreundlich und flexibel. Es erlaubt, komplexe Vertriebspipelines abzubilden. Entwickelt und gehostet ist es auf Amazon AWS, mit Google Drive (also den Google Office Anwendungen) ist es vollständig integriert, selbst eine Anbindung zu Marketing-Anwendungen und Kampangnen-Tools ist vorhanden. Die Nutzung kostet wenige Euro pro Monat und Arbeitsplatz. Es arbeitet im Browser betriebssystemunabhängig, native Apps für unterschiedliche Smartphone-Betriebssysteme sind vorhanden. Die Hardwarevoraussetzungen sind eine leidlich schnelle Internetverbindung und ein Endgerät auf dem ein halbwegs aktueller Browser läuft.

Bilden wir das Beispiel auf die Grafik ab, sehen wir, dass ein großer Teil der Schritte einfach übersprungen werden. Die Pipedrive-Entwickler haben viele Entscheidungen für das Anwenderunternehmen bereits getroffen. Wir bewegen uns tatsächlich auf der Software- beziehungsweise Anwendungsebene. Obwohl «die Zukunft hybrid» ist, werden die Cloud Provider immer mehr Software-, Hardware- und Dienstleistungsgeschäft aufsaugen. Ein Szenario wie «Morgen» in unserer Grafik scheint extrem, ist aber sicher nicht aus der Luft gegriffen. Systemhäuser, die in den klassischen Bereichen tätig sind, sollten ihre Positionierung überdenken. Zu möglichen Ansatzpunkten für eine Neupositionierung in Kürze mehr.»

Bildquelle(n): freyraum marketing /