Von Nischen- und Massenmärkten

Haben wir IT-Branche über Jahrzehnte in die falsche Richtung kommuniziert?

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Andreas Raum

Mittwoch, 03. Juni 2015

Als Rechenmaschinen ihren Siegeszug in den Unternehmen angetreten haben, stand im Mittelpunkt die Frage: Beherrschen die Maschinen die Rechenarten, die ich brauche. Und nicht gestellt, weil grundlegend vorausgesetzt: Rechnen sie eigentlich richtig, stimmt das Ergebnis. Gab es ein gesteigertes Interesse dafür, was im Inneren der Maschine abläuft? Vielleicht bei einigen wenigen sehr technik-affinen Menschen. Die gibt es immer und für jeden Bereich. Nennen wir sie „die Gemeinde“. Ohne die Gemeinde gibt es keinen Fortschritt. Denn aus der Gemeinde rekrutieren sich diejenigen, die ein Thema oder eine Technologie weiterentwickeln. So lange eine Technologie ausschließlich innerhalb der Gemeinde verbleibt, ist allerdings die Verbreitung der Technologie eingeschränkt, der kommerzielle Erfolg nur bedingt möglich. Wir sprechen von Nischenthemen oder Nischentechnologien.

Wählen wir ein Beispiel: Ohne die Gemeinde, also Menschen, die sich dafür interessieren, welche Lichtmaschine, welcher Vergaser in einem Auto arbeitet und wie die Motorprogrammierung funktioniert, gäbe es keinen Automobilen Fortschritt. Aber müssen sich Millionen Autokäufer für diese Themen interessieren? Zum Glück nicht. Zum Glück für die Automobilindustrie, denn sie tun es nicht und wären auch keine Autokäufer, wenn sie es tun müssten.

Oder anders herum gefragt: Hat sich der PC breit durchgesetzt, weil Anwender mit seiner Hilfe Briefe schreiben, Online Geld überweisen, schnell Informationen austauschen oder tolle Computerspiele spielen können und weil er schnell und richtig rechnen kann oder weil das neueste Windows auf einem aktuellen Intel Prozessor läuft?

„Das ist doch aber wichtig, weil ohne das Eine (Windows auf Intel CPU) gäbe es das Andere nicht!“ empört sich die Gemeinde. „Stimmt genau“, könnte man entgegnen „ohne Zündverteiler gäbe es heute vermutlich auch kein Auto. Aber was interessiert das den Autofahrer, der jederzeit Tante Erna am Niederrhein besuchen können will und keine Lust hat, den Wochenendeinkauf zu Fuß nach Hause zu schleppen“.

Oder um noch einmal anders herum zu fragen: Wie heißt schnell noch der Prozessor, den Apple in seinen Notebooks und Telefonen einsetzt? Jede Wette, die Gemeinde weiß das auswendig (Intel Core M bzw. A8). Millionen von Apple-Kunden, die den Hersteller zum wertvollsten Unternehmen der Welt gemacht haben, wissen noch nicht einmal, dass in ihrem Telefon überhaupt ein Prozessor steckt. Geschweige denn was das eigentlich sein soll, ein Prozessor.

Das bringt mich zurück zur Eingangsfrage: Kommunizieren wir als IT-Branche in die richtige Richtung? Adressieren wir die Themen, die unsere Kunden interessieren, die unsere Unternehmen so wertvoll machen sollen wie Apple?