Die F.A.Z. titelt: „Die Cebit gibt’s auch nächstes Jahr“

Jedes Jahr ist CeBIT. Diese war im Juni und so ganz anders als sonst. Ein kleiner CeBIT Rückblick.

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Andreas Raum

Dienstag, 03. Juli 2018

Erinnern Sie sich noch an dieses Kribbeln ziemlich weit unten im Bauch, eine Leere, die von oben durchsackt, die Knie weich werden lässt und einen leichten Schwindel auslöst? Das sichere Gefühl, das Mädchen, mit dem man „gegangen“ ist, nicht wieder zu sehen, weil sie Schluss gemacht hat?

Jahrzehnte nach der Pubertät bleibt das Gefühl nur als ein Schatten, nostalgisch verklärt auf dem x-ten Abiturjubiläum vielleicht: „Was sind wir jung gewesen – damals“.

Wie emotional meine Beziehung zur CeBIT tatsächlich ist, habe ich erst im vergangenen Jahr richtig wahrgenommen. Die leere Halle 13 (Exponat: selbstfahrender Bus) zu sehen, hat mir bereits am Aufbautag vor dem Messestart einen Stich versetzt.

Donnerstagnachmittag 2017 im Planet Reseller auf dem Weg zum ICE holt mich ein sehr altes Gefühl wieder ein: Ein Kribbeln sehr weit unten im Bauch, eine Leere, die von oben durchsackt, die Knie weich werden lässt und einen leichten Schwindel auslöst. Das sichere Gefühl, dass Schluss ist, dass wir uns nie wieder sehen werden, die CeBIT und ich.

Dabei hat unsere Beziehung Anfang der Neunzigerjahre stürmisch und leidenschaftlich begonnen. Keine Ahnung was Messe und was CeBIT bedeutet, bin ich als Volontär einer ominösen Computerzeitschrift namens „Computer Persönlich“ (das zweitälteste Computermagazin nach der Chip), zuständig für das Ressort Hardware mit einer Liste wichtiger Unternehmen und einem (viel zu kleinen) Stapel Visitenkarten angereist.

In Hannover angekommen, war ich befremdet über die Unterbringung bei einem älteren Ehepaar in Anderten. Das Bett war viel zu kurz, die Bravoposter ließen auf Kinder in mindestens meinem Alter schließen.

Dass die Messe etwas Besonderes sein musste, war schon im Stau bei der Anfahrt (im Auto mit dem Kollegen und Freund Wolfgang Wirth, der das natürlich alles schon kannte) klar: Riesige Parkplätze, in die alle Zufahrtsstraßen mündeten. Kilometerweiter Fußweg in Besucherkolonnen über aufgeweichte Wiesen zum Messegelände, das man vom Parkplatz nicht sah, sondern höchstens erahnte. Am ersten Tag haben wir uns den genauen Parkplatz noch nicht notiert. Ab dem zweiten Tag schon.

In den Hallen nicht nur alle Hersteller auf meinem Zettel, sondern alle Hersteller aus der IT überhaupt – sensationell. Weil ich keine Ahnung hatte, wie die CeBIT läuft, hatte ich keine Termine im Vorfeld vereinbart. Also habe ich brav alle Stände nach meinem Zettel und Gegencheck im Messekatalog abgeklappert. Und die CeBIT hat mich sicher zu allen Ansprechpartnern gebracht. Ich erinnere mich lebhaft an einen reichlich wirren Termin mit Marion Müller am Kyocera-Stand. Also ich war wirr, Marion großartig, der Termin am Ende ein Erfolg.

Über die Jahre hat mir die CeBIT viele interessante Menschen und Unternehmen aus unserer Branche vorgestellt. Sie hat mich auf tolle Partys mitgenommen. Sie hat interessante Geschäfte eingefädelt und mir eine großartige Bühne geboten. Und sie hat mir jede Menge Nachrichten, Neuigkeiten sowie Klatsch und Tratsch serviert, damit ich meine Leser zu jeder Zeit nützlich informieren und gut unterhalten konnte.

Erinnert sich jemand an die Trelemente, das Hüttendorf auf Halle 1? Im Schneesturm habe ich das Trelement gesucht, in dem ich zum Interview mit HP-Chefin Bärbel Schmidt verabredet war. HP hatte gleich ein ganzes Trelement-Viertel belegt. Nicht ganz einfach, das Richtige zu finden.

Dafür residierte der damalige IBM-Mittelstandschef Stefan Bürkli in Halle 4 in einem Vorstandsbüro mit massivem Eichenschreibtisch und Ledergarnitur – das dürfte 2002 gewesen sein und auch ein höchst interessantes Interview.

Im Trelement feierten die Distributoren CHS, Karma und COS eine Übernahme, die dann doch nicht zustande kam. Ein Jahr später gab es Karma und CHS nicht mehr.

2000 sperrte die CeBIT die Distributoren aus: Messegelände voll, Distribution nicht mehr Kernzielgruppe, um sie 2002 im Planet Reseller zurückzuholen. Eine fulminante Erfolgsgeschichte übrigens in Kooperation mit der CRN – mit einem damals völlig neuartigen Messekonzept.

Jetzt fahre ich im Juni nach Hannover. Die CeBIT wartet mit einem völlig neuartigen Messekonzept auf. Man adressiert junges Publikum, Consumer, möchte Festival sein. Verschwommen sehe ich einen erbosten Logitech-Chef Markus Lange Ende der Neunziger vor mir. Er wedelt mit einem Blatt Papier, die Messe hat ihm eine Abmahnung zugestellt, weil Logitech Lenkräder und anderes Gaming-Zubehör ausstellt: Consumer sind nicht Kernzielgruppe der Messe. Das ist lange her. „Der Onkel erzählt vom Krieg“, denke ich und schiebe den Gedanken beiseite.

Im Juni ist es auf der CeBIT ganz anders als all die Jahre. Viele Hallen stehen leer, dafür ist auf dem Freigelände ein kleiner Rummel aufgebaut. Warum es den Planet Reseller nicht mehr so richtig gegeben hat und warum der Marktplatz jetzt eine Selbstbedienungsrestauration ist, hat sich mir nicht wirklich erschlossen. Ähnlich scheint es auch der Masse der Consumer und vielen Unternehmen gegangen zu sein, die nicht wirklich verstanden haben, warum sie die CeBIT besuchen sollen und 2018 ausgeblieben sind.

Für uns ist die CeBIT ein Erfolg gewesen: Wir haben viele Menschen aus unserem Netzwerk getroffen und konstruktive Gespräche geführt. Wir würden Monate brauchen und tausende Kilometer durch die Republik reisen müssen, gäbe es die CeBIT nicht. Aber „meine CeBIT“ ist sie nicht mehr.

Das war also die CeBIT 2018. Nach eineinhalb Jahren Funkstille haben wir uns wieder getroffen. Wir sind ein wenig nervös gewesen und haben uns kritisch beäugt. „Es könnte ja doch wieder etwas werden mit uns“, haben wir wohl gehofft.

Vielleicht können wir ja einfach Freunde bleiben.

Bildquelle(n): Andreas Raum /